Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Berlin – Zwischenstation

© Dietmar Hesse

Den Kopf im Kissen vergraben fiel der Blick auf das Dachfenster. Nieselregen in Berlin, das leise Klopfen der Tropfen auf dem Glas hatte meinen stimmungsvollen Traum unterbrochen. Ich kuschelte mich in die Bettdecke und versuchte wieder, in ihn einzutauchen.


Er war so schön, fühlte sich so wirklich an. Ich auf einer Expedition in einem exotischen Urwald. Jan van den Books, weit weg von Tod und Blut, in einer anderen Welt. Hier flatterten mir die Schmetterlinge um den Kopf, suchten auf Blüten nach Nahrung, die ich in ihrer prachtvollen Form und Farbe noch nie gesehen hatte.
Verflucht, es gelang mir nicht, die entspannte Atmosphäre der einmaligen Momente erneut zurückzuholen. Ich war wach, mühsam kämpfte ich mich aus dem Bett und schlurfte zum Waschbecken. In der Hauptstadt hatte ich mir nur das billigste Zimmer in einer Pension erlaubt. Mit dem vielen Geld aus dem Verkauf des Hauses hatte ich besseres vor. Auch wenn sich der Ausverkauf meiner Vergangenheit mehr anfühlte wie eine Gütertrennung beim Scheidungsanwalt. Ich wusste schon damals, irgendwie musste ich ein neues Leben beginnen.
Die Flucht an die See nach Husum tat mir gut. Ich fand Freunde, Gefallen an dem Ort. Bis zu dem verhängnisvollen Tag, als der Chefredakteur mir auftrug, diesen Mordfall am Watt zu dokumentieren. Schielke, der Reporter, der eigentlich immer Gewaltverbrechen recherchierte, war verhindert. Der machte sich bestimmt einen ruhigen Tag.
Egal, ich konnte die Zeit nicht zurückspulen. Das viele Blut, die starr zur Decke gerichteten Augen der Toten. Alles erinnerte mich zu sehr an die Fotos, die mir die Polizei vom Unfallort meiner Frau gezeigt hatte. Regina war nun lange nicht mehr bei mir, nur in der Erinnerung ließ ich sie nicht sterben. Ich baute mir für sie ein Museum aus vertrauten Momenten.
Rasiert, gewaschen und in frischen Klamotten startete ich das Notebook. Der einzige Luxus in dem Laden war ein funktionierendes W-LAN. Auf der Seite der Bahn suchte ich eine günstige Verbindung in die Toskana. Ein Faltblatt, dass wohl ein Gast hier liegengelassen hatte, pries die Gegend an. Bilder der Region machten Lust auf einen Ausflug dorthin.
Geräusche aus dem Zimmer nebenan lenkten mich ab. Dort hatte entweder ein Paar einen gelungenen Morgenfick oder ein einsamer Mann schaute Pornos. Schmunzelnd kehrte ich zurück zur Recherche. Für heute Abend konnte ich ein akzeptables Ticket nach Siena entdecken. Eilig buchte ich es, bevor mir anderes in den Sinn kam. Ich öffnete Facebook, überflog die vielen Meldungen von Bekannten und sendete den beiden besten Freunden eine Nachricht. Wenigstens sie sollten wissen, was ich vorhatte. Dann schloss ich dieses Kapitel des Lebens vorerst.
Es grummelte im Magen, hier gab es kein Frühstück. Im Hängeschrank fand ich eine Tütensuppe. Zwei Teelöffel Instantkaffee in die Tasse befördert, den Wasserkocher eingeschaltet, suchte ich alle Klamotten zusammen und packte. Das blubbernde Geräusch kochenden Wasser unterbrach den Tatendrang.
Nach dem Morgenkaffee und der Suppe ging es mir besser, ich räumte die Habe in den Koffer, prüfend sah ich mich um. Hatte ich auch nichts übersehen? An der Garderobe hing noch eine Jacke, die legte ich vorsichtig zu den anderen Sachen, bevor ich den Deckel schloss.
Die Dame an der Rezeption sah fragen auf mein Gepäck. »Sie Checken aus?«
»Ja, bitte die Rechnung.« Ich bezahlte. Es hatte nun richtig angefangen zu regnen. Das Fallrohr neben der Tür konnte die Wassermassen anscheinend schlecht verdauen, so spuckte es fleißig aus einem breiten Riss auf den Gehweg. Ich schlug den Mantelkragen hoch, der Golf sah traurig vom Parkplatz zu mir herüber, als ahnte er von dem, was jetzt kam. Auf die Waschanlage verzichtete ich bei dem Mistwetter. Mit dem Autohaus hatte ich schon verhandelt, nur keinen Termin für die Übergabe festgemacht. Nun war der Moment der Trennung von dem treuen Gefährten gekommen. Mit Wehmut im Herzen startete ich den Motor, unser letzter gemeinsamer Weg war auch für mich nicht leicht.

Am Nachmittag aß ich in einem Imbiss Currywurst mit Pommes, trank ein Bier dazu und meine Gedanken flogen voraus in das ferne Land. Ein neuer Abschnitt im Leben, noch lag im Nebel, wohin der führte. In einer Stunde war es soweit, das Abenteuer konnte beginnen.

Endlich im Zug, machte ich es mir im Abteil bequem. Zu so später Stunde war ich der einzige Fahrgast, so legte ich die Beine hoch. Aus der Tasche holte ich Lesestoff. Verträumt strichen die Finger über den Buchrücken. Eine Freundin, Autorin von Liebesgeschichten, hatte es mir geschenkt. Ich dachte lächelnd an Viola. Sie würde mich beim Lesen in ihre mir unbekannte Welt entführen. Hawaii, die Surfer, ich hatte nichts davon bisher gesehen. Ich wollte in einen Traum abtauchen, genau das richtige Futter für die lange Zugfahrt.
Ein Zugbegleiter hielt mit einem Verkaufswagen vor der Abteiltür. »Guten Abend, möchten sie einen Snack oder etwas zu trinken?«
»Einen Kaffee, haben sie den im Programm?«
»Kommt sofort!« Er holte eine Tasse mit Unterteller hervor, schenkte aus der Thermoskanne ein und fragte: »Mit Milch, Zucker?«
»Danke, schwarz.«
Er stellte den Kaffee auf den Tisch und verabschiedete sich.
Ich nahm einen Schluck und schmunzelte über das Täfelchen Schokolade, von dem eine lila Kuh mich anlächelte. Ich steckte es in die Umhängetasche, ein süßes Stückchen Heimat dabei zuhaben war bestimmt nicht verkehrt.
Ich las weiter den Roman, dessen Hauptfigur es schon nach den ersten Seiten schaffte, meine Sympathie zu gewinnen.
Kurz vor Siena klappte ich das Buch zu. Mit einem Mal erschien vor mir die Vision von einem Ziel. Ich wollte auch schreiben, einen Liebesroman wie sie. Die Toskana war doch der Ort für eine Liebesromanze. Italien, Land der begehrten Lover.

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