Veröffentlicht in Kurzgeschichten

Der Wettkampf

© Dietmar Hesse

In der Badewanne liegend bearbeitete ich die Sohlen mit dem Bimsstein der holden Ehefrau. Sie mochte keine Hornhaut, egal wo! Lächelnd dachte ich, auch nicht auf meiner Seele!
Die Sonnen schien mir direkt in die Augen und blendete gewaltig. Ich Depp hatte vergessen, den Vorhang zuzuziehen!
Nach einem Blick zur Uhr stieg ich aus, rubbelte die Haare trocken und machte mich landfein.
Elfie hatte heute ihren Big Moment. Weil ihre Freundin mit Magen-Darm den Tag im Bett verbringen musste, war sie aufgerückt, und durfte sich im Mannschafts-Synchronspringen beweisen. Wenn ich da zu spät kam, gnade mir Gott!


Hatte ich die Kamera eingepackt? Nicht pünktlich im Hallenbad anzukommen, war ein Ding. Ohne Fotos von ihren Sprüngen zurückzukommen stand auf einem anderen Blatt Papier! Fotoapparat gecheckt, gute Laune, es konnte losgehen!
An der Haustür wartete Samira, maunzte traurig und schlich mit aufgestelltem Schwanz zwischen meinen Beinen hindurch. Hatte ich ihr Katzenfutter vergessen?
Vorsichtig hob ich sie auf, streichelte ihr Köpfchen und ging mit der Katzendame in die Küche. Tatsächlich, der Napf war leer. Ich schaute im Vorratsschrank nach, eigentlich kümmerte sich Elfie um die Kleine. Da lag eine Zuckerstange, die war wohl eher als Belohnung für Daniel gedacht, die Packung Zwiebelringe bestimmt eine Frühstücksbeilage.
Ah, da hinten sah ich Samiras leckeres Futter. Ein Schälchen geöffnet und ihr in den Fressnapf gegeben, das machte ich doch gerne. Als sie sofort dahin sprintete und genüsslich begann, ihr Mahl zu verspeisen strich ich ihr noch einige Male zärtlich über den Rücken, kraulte sie am Kopf und verabschiedete mich lächelnd.
Nun musste ich schnell sein. Grade rechtzeitig kam ich am Schwimmbad an und wurde auf die Tribüne geleitet. Genau die richtige Höhe für gelungene Bilder. Das Stativ aufbauen, das Teleobjektiv montieren, dann war ich bereit!
An der Treppe des Turms stand meine Frau, die Ränge nach mir absuchend.
Ich gab ihr ein Zeichen mit der Hand.
Der Wettkampf fing an. Unsere Damen sollten als drittes Team springen.
Regionsmeisterschaften, so eine Sache für sich. Alle kannten sich gut. Die ersten zwei Mannschaften legten saubere Sprünge vor.
Jetzt war sie dran. Ich fieberte hinter der Kamera mit. Der Delphin-Salto der beiden war ein Traum, technisch einwandfrei, ein Gleichklang wie ich ihn selten gesehen hatte. Begeistert klatschte ich.
Sie tauchte auf und suchte mich, winkte mir euphorisch zu. Sie wusste, der Part war klasse. Einer von fünf, hoffentlich sprangen sie so gut weiter.
Runde drei.
Schon beim Betreten der Leiter sah Sonja, eine Sportlerin aus der Nachbarstadt, unsicher aus. Oben auf siebeneinhalb Meter Höhe glaubte ich zu sehen, dass sie leicht schwankte. Der Absprung zum Rückwärts-Salto gelang nicht. In der Luft verlor sie die Kontrolle, konnte die Arme anlegen, doch prallte fast waagerecht auf die Wasseroberfläche. Die Rettungsschwimmer von der DLRG eilten sofort zur herbei und holten sie heraus.
Zuerst sah das übel aus, nicht eine Bewegung sah ich von hier. Die Springerinnen, darunter auch Elfie, betrachteten mit offenen Mündern vom Rand aus das Geschehen.
Nach ein paar Minuten erkannte ich, dass sie sich bewegte, hustend zu sich kam.
Mit unterstützenden Griffen der Helfer erhob sie sich, winkte zu uns und wurde in den Krankenwagen geführt.
Ich atmete tief durch, das hätte schlimm ausgehen können. Auf dem Turm war kein Brett mit Federung. Anlauf gab es hier nicht, aus dem Stand wurde konzentriert gesprungen. Ein Fehler beim Absprung brachte den ganzen Ablauf durcheinander. Gott sei dank ging das noch einmal gut. Ich wusste nicht, warum sie so aufgeregt und unkonzentriert auf die Leiter stieg.
Es kehrte wieder Ruhe ein und der Wettkampf wurde fortgeführt. Sprung für Sprung beschäftigte ich mich mit dem Fotografieren. Nur wenn Elfie sich oben vorbereitete, begann das Herz in mir zu rasen. Sie machte so eine tolle Figur in ihrem Badeanzug. Meine Frau eben, egal wo, immer ein Sonnenschein.
Die Leistung der Beiden überzeugte alle Zuschauer, jetzt wartete ich gespannt auf das Urteil der Preisrichter. Leichter Regen kam vom Himmel herunter. Das konnte den Tag nicht mehr verderben.
Die Entscheidung war gefallen. Trara! Hohenstein hatte den Regional-Wettbewerb gewonnen. Ich packte die Sachen zusammen und eilte hinunter, um mit der Mannschaft zu feiern.
Im Mannschaftsraum sah ich nur in strahlende Gesichter. Trainer, Kolleginnen und die Akteure lagen sich in den Armen. Champagnerflaschen wurden geköpft, sie prosteten sich zu, und die Stimmung schwebte auf Wolken. Als ich den Raum betrat, fragten mich alle nach den Fotos .«
»Mädels, ihr habt gesiegt, feiert, den Rest sehen wir uns morgen an. Herzlichen Glückwunsch!«
Ich holte Elfie aus der feiernden Traube heraus. »Komm, wir fahren heim und genießen zu zweit deinen Sieg.«
»Nur noch einen kleinen Moment, der Trainer ist gerade raus, um zu fragen, wie es Sonja geht.«
»Klar, und dann ab aufs Sofa?«
Sie lächelte süß. »Aber ja, du bist doch mein Bester!«
Gerührt setzte ich mich und wartete.
Rubens, der Betreuer, kam lachend herein. »Mit Sonja ist alles okay, ein paar blaue Flecke und Bestürzung über das Missgeschick. Entwarnung!«
Elfie kuschelte, wir sagten tschau und fuhren Richtung Wohnzimmer. Daheim war es still. Samira schlummerte in ihrer Hängematte, Daniel schien schon zu schlafen.
»Ich denke, dein Erfolg darf gefeiert werden. Du hast so wunderbar ausgesehen in dem Badeanzug, die Sprünge, einfach perfekt! Cool, eine so tolle Frau zu haben.«
Sie grinste und schlug mir grinsend auf die Schulter.

Wir saßen auf dem Sofa, ein Glas Sekt in den Händen und wollten gerade auf ihren Sieg anstoßen, als unser Großer zu mir kam. Er stupste mich an. »Kommst du mal, ich muss mit dir reden?«
Daniel, mein Sprössling, war mit zwölf begeister vom Judo. Die weißen Anzüge, schwarzen Gürtel, die fließenden Bewegungen auf der Matte faszinierten ihn.
»Klar, geh schon mal ins Zimmer, ich bin sofort bei dir.«
Ich prostete der Frau des Herzens zu, wir tranken einen Schluck, und ich zuckte entschuldigend mit den Schultern.
»Unser Sohn will sprechen, der hat wohl ein Problem. Bleib sitzen, wir feiern deinen Sieg gleich weiter. Verliebt zwinkerte ich ihr zu.
»Was ist denn so wichtig, Großer?« »Papa, Judo ist doch nichts für mich. Die machen ja ernst!«
»Tja, Sohnemann. Das ist eine Erfahrung für die Zukunft. Da geht es so zu. Was gibt den noch so, dass dir gefallen würde?«
»Fußball, das kann ich bestimmt, laufe auf dem Platz herum und schieße den Ball.«
Ich lächelte ihm zu, »dann melden wir dich in der Jugendabteilung an, willst du?«
»Klar!« Lachend verschwand er im Jugendzimmer.
Ich grinste innerlich. Du wirst es sehen, Daniel! Da landest du nicht auf der Matte, ist dir der Rasen lieber? Die Erinnerung an meine Begegnung mit der Sportart war zwar schon länger her. An die nahen Kontakte mit der Grasnarbe konnte ich mich aber gut erinnern.
Zurück bei Elfie schaute sie so fragend, dass ich um eine Erklärung nicht herum kam.
»Beruhige dich, er mag die weißen Anzüge nicht mehr, ein Fußball-Trikot ist jetzt sein Hit. Wer kann das vorhersagen, am Ende des Weges landet er vielleicht auf dem Sprungturm.«

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