Ring im Schnee

2015 erschienen in der Anthologie Schneegestöber.
Mila Summers hatte die Idee und mit ihr taten sich 14 Autorinnen zusammen, um für einen guten Zweck zu schreiben.  Ich war als Hahn im Korb dabei. 😛 Der komplette Erlös ging an die Stiftung Bärenherz.

Ring im Schnee

1.
Sein Handy klingelte. Sonja? Zur Mittagszeit an einem Donnerstag? War etwas passiert?
»Thomas hier, das ist aber schön, dass du anrufst. Was gibt es, das nicht bis zum Abend Zeit hat?«
»Hallo, mein Prinz. Ich habe Lust, nachher mit dir einen Schaufensterbummel in der Innenstadt zu machen. Du weißt doch, ich mag den Weihnachtsschmuck in den Straßen. Irgendwo einen Kakao und zum Abschluss fein essen gehen?«
»Gerne, um fünf am Kröpcke, oder ist das zu früh?« Er lächelte bei dem Gedanken, Arm in Arm mit ihr durch die Gassen zu schlendern.
»Das passt gut, dann bis später, ich liebe dich.«
»Ich dich auch, ich freue mich.«

Pünktlich erschien er auf dem Platz und sah sie schon warten. Sie schüttelte beim Blick auf die Uhr mit dem Kopf.
Von hinten schlich er sich an und bedeckte ihre Augen mit seinen Händen. Dabei fühlte er sich wie die Hauptfigur in einem Liebesfilm.
»Thomas?«
»Erwartest du jemand anderen?« Er musste lachen und gab ihr Gesicht frei.
»He du, fast zur verabredeten Zeit.« Sie drehte sich um, schlang die Arme um ihn und gab ihm einen langen Kuss.
»Zur Vorweihnachtszeit ist es hier besonders schön. Dieses Glitzern, die Sterne, die grünen Girlanden?« Sie strahlte ihn mit einem liebevollen Blick an.
»Ja, wunderbar.« Er nahm sie in den Arm, und sie flanierten durch die Straßen. Immer wieder blieb sie vor einem Schaufenster stehen und betrachtete die Auslagen.
»Den Mantel könnte ich mir gut an dir vorstellen, mir gefällt er. Dir auch?«
Thomas verkniff sich ein Grinsen.
»Die Kutte ist nun wirklich nichts für mich. Nee, lass uns weitergehen, meiner ist doch noch gut.«
Am nächsten Geschäft sah sie interessiert Schuhe an. Nur die in einer bestimmten Ecke, keine für diese Jahreszeit geeigneten, eher für einen Opernball.
»Gefallen sie dir?« Er zeigte auf ein Paar rote Pumps mit Absätzen, mindestens acht Zentimeter hoch.
Sie lächelte ihn an.
»Gefallen täten sie mir schon, aber zu welchem Anlass sollte ich solche Schuhe tragen? So nobel sind wir noch nicht ausgegangen!«
War das jetzt eine Spitze? Werde ich ihr zu langweilig? … ging es ihm durch den Kopf.
»Zu welchem Anlass möchtest du sie denn tragen?«
Sie schaute verschmitzt.
»Wenn sie in meinem Schuhschrank stehen würden, da hätte ich bestimmt eine Idee.«


Er sah auf das Preisschild. »Was, 420 € für ein Paar Treter? Lass uns schnell weitergehen, ich habe leider keinen reichen Erbonkel!«
Sie grinste und zog ihn die lange Reihe der Schaufenster entlang. Mit einem Strahlen in den Augen blieb sie vor den Auslagen eines Juweliers stehen.
Thomas legte seinen Arm um ihre Schulter und folgte ihren Blicken. Sah sie sich Trauringe an, oder die Etage darüber mit den Verlobungsringen? Genau, sie betrachtet den einen da, ganz eindeutig.
»Der da oben links ist besonders schön,oder?«
»Ja, der sieht nett aus.«
Mehr brachte Tomas nicht über die Lippen. Ihm wurde warm. Dieser Gedanke hatte ihn auch schon begleitet. Sie waren fast zwei Jahre zusammen, die gemeinsame Wohnung teilten sie sich seit einem, und in ihrer Nähe fühlte er sich wohl. Mit Sonja an der Seite machte das Leben Spaß.
Er sah sie an, küsste sie auf die Wange und schenkte ihr ein inniges Lächeln.
»Komm, lass uns da drüben am Stand einen Kakao trinken.«
»Oh ja, jetzt etwas Warmes.« Sie nahm seine Hand, verschränkte die Finger mit seinen und zog ihn in die Richtung der süßen Verführung.

2.
Thomas kam spät von einem Geschäftstermin am Hauptbahnhof an und schlenderte über den Weihnachtsmarkt. Glühwein und Punsch, Braten und Wurst, es kitzelte ihn in der Nase. Der Duft gebrannter Mandeln zog, dem Gaumen schmeichelnd, durch die Gänge. An einem Stand wehte ihm das Aroma von Orangen und Zimt entgegen, am nächsten duftete es himmlisch nach frischem Lebkuchen. Das Verkaufspersonal versuchte, mit den grünen Schürzen und roten Mützen, etwas weihnachtliche Stimmung zu verbreiten. Vor einer Bude blieb er stehen.
»Was darf es sein«? Eine junge Frau lächelte ihn auffordernd an.
»Ein Punsch bitte.«
»Mit Schuss«? Sie hielt eine Flasche Rum in die Höhe.
»Nein danke, pur«.
Sie stellte ihm den dampfenden Becher auf den Tresen. »Das macht drei Euro fünfzig, einer ist Pfand für die Tasse.« Er suchte in der Geldbörse und legte ihr vier in die offene Hand. »Stimmt so.« Ab und zu einen Schluck nippend schlenderte er weiter über den Markt.
An einem Stand mit Weihnachtsschmuck blieb er stehen. Die Schneekugeln faszinierten ihn. Vorsichtig hob er eine an, schüttelte sie ein wenig und beobachtete das Schneetreiben darin.
Die Gedanken eilten zurück zu einem Heiligabend in seiner Kindheit. Er hatte den Eltern immer wieder trotzig vorgenörgelt, er wolle weiße Weihnachten. Das Wetter konnte ihm den großen Wunsch nicht erfüllen, und der Vater hatte ihm eine Schneekugel unter den Baum gelegt.
»Damit du etwas Schnee siehst«, hatte er mit warmer Stimme dazu gesagt.
Diese Kugeln waren irgendwie anders. Was war das für eine Landschaft, die im Schneetreiben auftauchte? Die kam ihm so bekannt vor.
Er sprach den Budenbesitzer darauf an.
»Die sind ja toll, was sind das für Bauwerke unter dem Gestöber?«
Der Verkäufer strahlte.
»Mein ganzer Stolz, Plätze der Stadt und von Orten aus der Umgebung. Die Leute kaufen hier lieber Vertrautes. Da habe ich lange gesucht, bis ich jemanden fand, der mir die anfertigt. Schön, oder?«
»Ja, wunderbar. Können Sie mir verraten, wer das für Sie herstellt?«
Der freundliche Mann runzelte fragend die Stirn und räusperte sich mit vorgehaltener Hand.
»Keine Angst, ich will Ihnen da nicht ins Handwerk pfuschen. Ich hätte gerne ein Einzelstück für einen besonderen Anlass.« Er erzählte ihm, was gerade in seinem Kopf vorging.
Der Verkäufer hörte gespannt zu, zwinkerte ihn mit einem Auge an und meinte:
»Mal sehen, irgendwo muss ich hier eine Visitenkarte haben.« Er kramte in einer Kiste unter der Auslage.
»Da ist sie doch.« Triumphierend hielt er eine kleine Karte in die Höhe und überreichte sie Thomas feierlich.
»Und bestellen Sie Grüße von Ruprecht.«
Dankend nahm der die Karte entgegen, nicht ohne dem Mann einen fragenden Blick zuzuwerfen.
Ruprecht lachte lauthals auf.
»Nein, kein Witz, so haben mich meine Eltern getauft.« Er drehte sich dabei um und zeigte auf seinen Rücken.
»Kein Sack, keine Rute, alles in Ordnung.«
Thomas schüttelte ihm die Hand und bedankte sich.
»Dann noch viel Erfolg hier.« Mit einem Winken verabschiedete er sich und schlenderte zufrieden Richtung Haltestelle. Er trank den Punsch aus und steckte den leeren Becher zur Erinnerung in die Manteltasche.

3.
Sonja war schon zu Hause, ihr Smart parkte vor der Haustür. Beschwingt nahm er je zwei Stufen auf einmal auf dem Weg nach oben. Die Winterjacke hängte er im Flur an den Haken.
»Ich bin wieder daheim, wo steckst du, mein Schatz?«
Aus der Küche hörte er das Scheppern von Geschirr. In der Luft hing der Duft von gutem Essen.
Sonja steckte die Nase aus der Tür und strahlte.
»Schön, dass du so früh da bist, ich hatte später mit dir gerechnet. Die Bolognese ist fertig, dann kann ich ja die Pasta aufsetzen. Essen wir gleich hier?«
»Gerne, ich bin sofort da und helfe dir. Der Termin war, wie ich gedacht hatte, angenehm. Der Auftrag ist bei uns. Ich hole noch einen Roten aus dem Wohnzimmer.«
Sie streckte ihm die offenen Arme entgegen, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Nase.
»Was ist das denn für eine Begrüßung? Komm und lass dich drücken.« Sie nahm ihn in die Arme und küsste ihn lustvoll. Dann zwinkerte sie ihm zu.
»Den Rest heben wir uns für nach dem Essen auf, jetzt darfst du gehen!«
Thomas holte eine Flasche Cabernet Sauvignon und Gläser aus dem Schrank und half Sonja, den Tisch zu decken.
»Setz dich, die Spaghetti kann ich gleich abgießen, schenk uns doch schon mal den Wein ein.«
Sie ließen es sich schmecken und prosteten sich zu.
»Du, wegen der gemeinsamen Weihnacht, da müssen wir noch einmal drüber reden.«
Thomas wurde hellhörig und ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinab. »Wieso, ich dachte, das hätten wir besprochen?«
Sollte sein gerader gefasster Entschluss, seine, wie er meinte, wunderschöne Idee so schnell ein Ende finden?
»Ja, aber heute hat mich der Chef gebeten, in Berlin eine Reportage zu machen. Speisung der Obdachlosen durch einen Künstler. Ich fand das interessant.« Sie lächelte ihn über ihr Weinglas hinweg an.
»Für so eine seichte Story lässt du unser erstes Weihnachten in der gemeinsamen Wohnung ausfallen?« Er stellte das Glas etwas zu heftig auf den Tisch. Die Enttäuschung darüber war seinen Worten deutlich anzuhören.
»He, nun mal nicht gleich traurig sein. Wenn ich es mir so überlege, habe ich keine große Lust, bei dem Wetter in Berlin herumzulaufen. Da dir so viel daran liegt, frage ich mal die jungen Kollegen. Da ist bestimmt einer dabei, der die Stadt mag.« Der Gute legt aber wirklich Wert auf dieses Fest mit mir.
Thomas atmete tief ein. Scheinbar war der Einfall noch nicht ganz vom Tisch gefegt.
»Das wäre wunderbar.« Langsam beruhigte er sich wieder.
Als Sonja etwas später mit einem aufreizenden Lächeln ins Wohnzimmer kam, war die Auseinandersetzung vergessen.

Vor dem Einschlafen zog er sie an die Brust und flüsterte ihr ängstlich ins Ohr: »Das mit dem Auspacken unterm Christbaum bekommen wir hin, oder?«
Sie unterdrückte ein Gähnen. »Kein Problem, ich finde schon jemanden, der die Reportage gerne übernimmt. Liegt dir so viel daran?« Sie schloss die Augen und kuschelte sich tiefer in seine Armbeuge.
Wenn du wüsstest, was ich vorhabe!

4.
Am nächsten Morgen musste er früh aus den Federn. Mit einem liebevollen Blick auf Sonja schlich er leise aus dem Schlafzimmer. In der Küche machte er noch schnell eine Wiener Melange aus der Tüte. Dann war er auch schon auf dem Weg ins Büro. Das Vorweihnachtsgeschäft brachte für seine Firma einen großen Teil der Jahreseinnahmen und den Mitarbeitern somit viel Arbeit.
In der Bahn konnte er sich nur auf den Einfall von gestern auf dem Weihnachtsmarkt konzentrieren. Er würde das jetzt durchziehen. Passte der Tag, der Moment dazu? Ja, bestimmt. Wenn nicht an diesem besonderen Tag im Jahr, wann dann?

In einer freien Minute kramte Thomas die Visitenkarte aus dem Portemonnaie.
Noch einmal dachte er über seine Idee nach. Ja, er zog das jetzt durch!
Bedächtig wählte er die Nummer von der Karte.
»Martin Sehle, Sehle Geschenkartikel, womit kann ich Ihnen helfen?«
»Ehm, Thomas Stein hier, einen schönen Gruß von Ruprecht soll ich bestellen.«
Einen Moment herrschte Stille am anderen Ende der Leitung. »Ach, der mit den Schneekugeln, danke. Was darf ich für Sie tun, Herr Stein?«
Er erzählte ihm von seinem Vorhaben und dass er unbedingt so eine besondere Kugel dafür bräuchte. Danach war kein Laut im Hörer zu vernehmen.
»Sind Sie noch da, Herr Sehle?« Thomas hörte ein Räuspern.
»Ja, ich habe beeindruckt zugehört. Ich fürchte nur, ich kann Ihnen beim Umsetzen der Idee nicht helfen, so leid mir das tut. Wir sind zwar eine kleine Firma, aber der Produktionsprozess läuft auch bei uns automatisch ab. Da darf ich keine Kugel rausnehmen, um Ihren Wunsch zu erfüllen.«
»Schade, ich hatte mir das alles schon so einzigartig ausgemalt. Wenn es nicht geht, dann danke ich Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben.«
Die Enttäuschung, die in seinen Worten mitschwang, war deutlich zu hören.
»Moment, träumen Sie weiter, Herr Stein. Geben sie mir einen Tag, ich muss mir das in Ruhe durch den Kopf gehen lassen. Können Sie mich morgen Nachmittag noch einmal anrufen?«
Thomas atmete tief ein. »Aber gerne doch, Herr Sehle. Ich melde mich.«

»Sonja, was treibst du da in der Küche, was duftet so lecker?«
»Ich backe Plätzchen.«
»Wenn ich an den letzten Versuch denke …, es riecht gut. Ob die diesmal gelingen?«
»Nun ja, das wird sich herausstellen. Ich probiere es halt.«
Neugierig öffnete er die Küchentür ein wenig.
Sie zog sie wieder zu.
»Du bleibst draußen, dich kann ich hier jetzt nicht gebrauchen. Sonst umarme ich dich, küsse dich, und dann sind die Kekse hin!«
Thomas schmiss sich im Wohnzimmer auf das Sofa und seine Gedanken kreisten um die Überraschung für sie. Hatte er das wirklich vor? Ja, er liebte sie seit dem ersten Blick in ihre Augen. Sie zog ihn magisch an. Beschlossene Sache, mit oder ohne Kugel.
»Sonja, wie lange versteckst du dich noch in der Küche? Ich hatte mich eigentlich auf deine Nähe gefreut!«
»Nur einen Moment, dann kann ich die Zimtsterne aus dem Backofen holen. Ich bin gleich bei dir,« rief sie ihm zu.

Er nahm sie in den Arm und schon bei der Berührung dieser Lippen explodierte das Feuerwerk in ihm. Eine Welle der Leidenschaft überschwemmte ihn. Jede Zärtlichkeit, das Streichen ihrer Finger über seine Haut, ließ die Sinne in unbekannte Regionen fliegen.
Jetzt hatte er keine Zweifel mehr, er würde es tun.

5.
Thomas´ Gedanken kreisten den ganzen Morgen nur um den Anruf bei dem Spielwarenhändler. Er musste sich zusammenreißen, um die Gespräche mit den Lieferanten zum Wohl der Firma zu führen.
Immer wieder wanderte sein Blick zur Uhr. Endlich war die verabredete Zeit gekommen und er wählte die Nummer von der Visitenkarte.
»Geschenkartikel Sehle, was kann ich für Sie tun?«
»Thomas Stein hier, ich sollte mich noch einmal melden. Ist Ihnen etwas zu der Inspiration mit der Kugel eingefallen?« Gespannt hörte er zu.
»Das ist ja wunderbar. Ja, das traue ich mir zu. Senden Sie es mir bitte in die Firma, damit meine Freundin nicht neugierig wird. Ich gebe Ihnen die Adresse.«
Jetzt war er glücklich und aufgeregt. Mit ein wenig Geschick konnte er seinen Wunschtraum verwirklichen.
Gleich fing er in Gedanken mit der Planung an. Zuerst zum Juwelier, den Ring kaufen. Der Bausatz für die Kugel würde in zwei Tagen eintreffen.
Er sollte mit Christian, dem Chef in der Werkstatt der Firma sprechen, da gab es bestimmt die Möglichkeit, das Ding zusammenzusetzen.
Einen günstigen Ring für das Schneegestöber bekam er in jedem Kaufhaus.
Jetzt musste sie nur noch den Berlin-Job an den Kollegen bringen, dann würde es ihr Fest werden.

Abends, auf dem Weg nach Hause, war er nervös und aufgeregt. Wie ein kleines Kind freute er sich auf diese Weihnacht mit seiner Sonja. Die tristen Straßen kamen ihm viel schöner vor als sonst, selbst in den Pfützen meinte er, Sterne des Festes zu sehen.
Er träumte von einer innigen Umarmung, von einem zärtlichen Kuss. Wie sie ihm mit einer vertrauten Geste die Haare aus der Stirn strich, der Glanz ihrer blauen Augen sein Herz verzauberte.
»Komm, lass uns den Moment genießen«, hauchte sie ihm entgegen.
»He Alter, kannst du nicht aufpassen?« Ein Jugendlicher, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, schaute ihn verärgert an.
Thomas lächelte ihm freundlich zu.
»Ich bin verliebt,« kam ihm über die Lippen.
Der junge Mann strahlte ihn an. »Schön für dich, Alter.« Er hob die Hand und zeigte ihm den erhobenen Daumen.

Unten vor der Haustür atmete er noch ein paarmal tief ein. Beruhige dich, in der Verfassung kannst du nicht zu ihr hochgehen. Die kennt dich zu gut, sie fragt bestimmt gleich, was los ist.
Schon etwas gelöster stieg er die Treppe hinauf und schloss die Tür auf.
Sonja saß im Wohnzimmer und las in einem Buch.
Tief sog er das ihn umschwebende Aroma durch die Nase ein. »Was ist das für ein wunderbarer Duft in der Wohnung? Da bekomme ich ja direkt Appetit auf Süßes.«
Sie hob den Blick von der Lektüre und strahlte ihn an.
»Mein Gebäck scheint mir gelungen zu sein, das habe ich vorhin in der Keksdose verstaut. Die gibt es aber erst am Heiligen Abend!«
Thomas schluckte. Kurz dachte er über ihre Worte nach.
»Heißt das, du fährst nicht nach Berlin?«
»Ja, der Frank war ganz scharf darauf, nett verpackt hat er sofort angebissen. Dem Chefredakteur ist es egal, Hauptsache, er bekommt seine Story. Ich bin also frei, muss nur bis Mittag in die Redaktion. Bist du zufrieden?« Sie zwinkerte ihm zu.
»Zufrieden? Du hast mir damit schon ein vorgezogenes Geschenk gemacht. In mir dreht sich alles, halt mich fest!«
Sie sprang auf und nahm ihn in die Arme.
»He, kippe mir nicht um vor Freude. Ich habe doch bemerkt, wie viel dir dieser besondere Abend mit mir bedeutet.«
Sie sah ihn verführerisch an, zog seinen Kopf herunter und gab ihm einen langen Kuss.
Er ließ sich durch die intimen Berührungen treiben, die Hände fanden selbstständig und ohne sein Zutun ihren Weg zu den richtigen Stellen. Das Feuerwerk der Leidenschaft wurde gezündet. Die Explosionen waren nicht mehr auf zu halten

6.
Am späten Vormittag rief ihn unerwartet Christian an.
»Hi Thomas, du hast ein Päckchen bekommen. Holst du es ab?«
»Klar komme ich runter, viel früher als erwartet! Bin gleich da.«
Nervös eilte er hinab in die Werkstatt. Mit leicht zitternden Fingern öffnete er das Paket und Chris schaute ihm dabei über die Schulter.
»Daraus soll also das Zauberding werden?«
»Ja, lass mich die Anleitung lesen. Lies bitte mit, dann kannst du mir sagen, ob wir das hier zusammenbauen können!«
Herr Sehle hatte sich große Mühe gegeben und jeden Arbeitsschritt ausführlich beschrieben.
»Was meinst du, kriegen wir das hin?«
»Das sollte zu schaffen sein. Wann willst du loslegen?«
»Morgen, ich kaufe nach der Arbeit noch das Geschenk des Herzens.«

Am späten Nachmittag ging er zuerst zum Juwelier. Er zeigte auf den Ring in der Auslage, den Sonja so auffallend betrachtet hatte.
»Das ist der Richtige. Hier ist die Ringgröße meiner Freundin für Sie, ich habe ihn innen gemessen.«
Das hatte er gestern Abend noch erledigt, ohne dass sie es bemerkt hatte.
»Lassen Sie mich sehen.«
Nach einer kurzen Prüfung brachte er Thomas ein passendes Exemplar und legte es in eine kleine Schatulle mit einer rosa Schleife oben drauf.
»Passt das so?«
»Wunderbar, ich danke Ihnen.«
Er zahlte, dann ging er mit schnellen Schritten zu seiner zweiten Einkaufsstation. In einem Kaufhaus, nicht weit entfernt, besorgte er noch einen günstigen Ring für das Schneegestöber. Aus den Lautsprechern erklang leise Weihnachtsmusik und sorgte für die richtige Stimmung.

Beschwingt machte er sich auf den Heimweg. Schon vor der Wohnungstür hörte er Sonja drinnen laut singen.
»Weihnacht im Schnee …«
Er öffnete lächelnd die Tür.
»Das wird wohl ein Wunsch bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir in den zwei Tagen einen solchen Wetterumschwung erleben.«
Er nahm sie zärtlich in den Arm, dann küsste er sie leidenschaftlich.
»Wieso so gute Laune? Ist etwas passiert, das ich wissen sollte?«
»Nur die Vorfreude auf das Fest. Gönn sie mir doch.«
Sie zwinkerte ihm zu, dabei schob sie ihn ins Wohnzimmer. Dort legte sie sich aufs Sofa und zog ihn zu sich hinunter.

7.
Einmal werden wir noch wach!
Dieser Gedanke erzeugte ein warmes Gefühl in seinem Herzen. Aufgeregt ging Thomas in die Werkstatt. Er wurde von Christian schon erwartet.
»Ich habe alles bereitgelegt, wenn du willst, können wir anfangen.«
»Klar, deshalb bin ich hier. Gib mir zuerst den Marktplatz und den Spezialkleber, damit ich den Ring darauf befestigen kann.« Vorsichtig klebte er ihn auf dem Rathausplatz fest.
»Jetzt die Kuppel, dann den Schnee.« Beim Einfüllen der Flüssigkeit erschien seine Zunge zwischen den Lippen. Thomas legte die Bodenplatte auf und pumpte die wenige Luft aus der Kugel.
»Nun beide Teile versiegeln, dann heißt es warten. Wie lange dauert es, bis das getrocknet ist?«
Christian las noch einmal in der Anleitung nach.
»Zehn Minuten.«
Gebannt verfolgte Thomas´ Blick den Sekundenzeiger der Werkstattuhr. Endlich, die Zeit war abgelaufen. Aufgeregt drehte er die Kugel um und schüttelte sie leicht. Sofort setzte das Gestöber ein. Es gab die Sicht auf den Ring frei.
Genau so hatte er sich das vorgestellt.
»Danke für die Hilfe. Jetzt muss ich es nur noch hübsch einpacken, dann kann der Heiligabend kommen.«
Chris grinste ihn an.
»Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Aktion.«

8.
Es war so weit. Aus dem Radiowecker erklang leise ein Weihnachtslied. Sanft glitten seine Finger über Sonjas Wangen. Vorsichtig knabberte er an ihrem Ohrläppchen. »Aufstehen«, flüsterte er ihr zu.
Sie schaute ihn verschlafen und verträumt zugleich an. Nach einer innigen Umarmung raunte sie ihm »Ich gehe duschen« zu und schälte sich aus der Decke.
Einmal mehr bewunderte er ihre Kurven und lächelte bei der zerzausten Haarpracht.
»Ich setze schon mal den Kaffee auf.«

Sie frühstückten und er gab ihr an der Tür einen Abschiedskuss. »Wann hast du heute Feierabend?«
»Punkt zwei, dann geht es in den Weihnachtsurlaub.«
»Ich freue mich auf dich. Fahr vorsichtig.«
Sie warf ihm noch eine Kusshand zu und eilte die Treppe hinunter.

Der Baum stand schon seit drei Tagen auf dem Balkon. Beim Händler um die Ecke hatten sie eine wunderbar gewachsene Nordmanntanne ausgesucht und unter viel Lachen und Alberei nach Hause gebracht. Nun holte er die Tanne ins Wohnzimmer und begann mit dem Schmücken. Thomas legte die Lichterkette um den Baum. Dann hängte er die roten Kugeln an die Äste. Zum Schluss bettete er etwas Engelshaar über die Zweige und steckte den Stern auf die Spitze.
Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sein Werk.
Gelungen, jetzt muss der Abend nur noch genau so schön werden.

Sonja war pünktlich. Gemeinsam bereiteten sie das Essen zu und setzten sich an den Tisch.
Sie aßen den Kartoffelsalat mit den frischen Bockwürsten und scherzten lachend.

Es war schon dunkel, als sie ihn fragend anschaute.
»Wollen wir jetzt zur Bescherung rüber gehen? Ich platze fast vor Neugierde.«
»Erst, wenn das Glöckchen läutet. Hab noch etwas Geduld.«
Grummelnd verzog sie sich ins Schlafzimmer und er hörte, wie sie die Kleiderschranktür öffnete.
Er hatte seine Geschenke natürlich vorher unter den Baum gelegt. Strahlend zog er die Glocke aus der Tasche und ließ sie erklingen.
Sofort erschien sie mit einigen Päckchen beladen im Flur. Drinnen verstaute sie diese unter den Zweigen und hockte sich auf den Boden.
Thomas schaltete sanfte Weihnachtsmusik an und setzte sich vor sie.
»Fröhliche Weihnachten.«
Er zog die erste Tüte hervor und hielt sie ihr hin.
»Das ist mein größtes Präsent für dich, auch wenn es klein scheint!«
Vorsichtig zupfte sie an der Schleife.
»Eine Schneekugel, oh wie schön. Die habe ich als Kind geliebt.« Sie schüttelte sie. Die Augen wurden immer größer.
Thomas griff hinter sich. Er bemerkte nicht, dass Sonja in den Geschenken suchte.
Er hielt ihr den Ring in der geöffneten Schatulle entgegen.
Sie drehte sich zu ihm. Strahlend zeigte sie ihm einen gleichen Ring.

Sie fingen an zu lachen. In derselben Sekunde erfüllten die Worte von beiden den Raum.
»Willst du mich heiraten?«
Sonja umarmte ihn, sah tief in seine Augen und flüsterte: »Ja.«
Thomas strahlte. Er hauchte ein »Ja« zurück.
Sie schüttelte noch einmal die Schneekugel. Verträumt schaute sie dem Schneegestöber zu.
Er holte den Sekt und schenkte beiden ein. Er prostete ihr zu.
»Auf den schönsten Tag meines Lebens!«
Sonja ließ ihr Glas an seinem klirren.
»Auf den schönsten Tag in unserem Leben!«

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